Der Neubau der Leonore-Goldschmidt-Schule in Hannover-Mühlenberg

 

Auf der Suche nach neugebauten Schulen in Hannover und dem Landkreis stößt man schnell auf die 2017 eröffnete Leonore-Goldschmidt-Schule / IGS Hannover-Mühlenberg. Sie ist ebenfalls achtzügig und hat als IGS ähnliche räumliche Anforderungen zu erfüllen, wie ein Neubau in Garbsen es hätte. 

Der Schulleiter, Herr Dr. Michael Bax, stand uns am 28.01.2019 für ein Interview zu allen Fragen rund um den Neubau zur Verfügung.

 

Nicole Weinzettel und Diana Stefan im Interview mit dem Schulleiter der Leonore-Goldschmidt-Schule, Herr Dr. Michael Bax  (Foto: Julia Hemkes)

 

Aus welchen Gründen kam es zum Neubau der IGS Mühlenberg?

Die Schule wurde neu gebaut, weil der Altbau energetisch nicht mehr tragbar war und die Fenster undicht waren. Die Energiekosten waren ganz hoch, also es war ein komplett ineffizientes Gebäude und die Stadt Hannover musste jeden Monat ganz viel Geld für Heizkosten ausgeben.

 

Welche Rolle hatten Sie beim Neubau der Schule, waren sie eher im Vordergrund oder im Hintergrund?

Zu einem Neubau gehören viele Menschen: Der Schulträger, in unserem Fall die Stadt Hannover, entscheidet, ob der Neubau umgesetzt wird oder nicht. Es gab einen europaweiten Wettbewerb für Architekten, die sich dafür interessierten, unseren Schulneubau zu planen und umzusetzten. An der ganzen Ideengestaltung beteiligte sich dann die Schulleitung, auch ich. Spannend wurde es, als sich die Planungsgruppe für einen Entwurf entschieden hatte. Das ist zunächst nur die äußere Hülle, dann kommt die gesamte Planung zur Einrichtung und Ausstattung. Daran war durch den Bauausschuss, in dem auch Lehrer, Schüler und Eltern saßen, die ganze Schule intensiv beteiligt.

 

Wie groß ist die Schule?

Sie ist ca. 27940 Quadratmeter groß.

 

Wie hoch waren die Kosten und wer hat das Schulgebäude finanziert?

Die Kosten beliefen sich auf 65 Millionen Euro und finanziert hat das nicht der Schulträger, die Stadt Hannover, sondern eine Tochtergesellschaft namens HANOVA, die für die Stadt Hannover Wohnungen, Parkhäuser usw. baut und sie hat in unserem Fall erstmals den Bau einer Schule übernommen.

 

   

Angeregt erklärt Herr Dr. Bax, wie ein Schulneubau entsteht (Fotos: Runa Passauer)

 

Wie lange hat der Neubau gedauert?

Zunächst wurde eine Sanierung geplant. Man hatte die Idee, die Schule nicht abzureißen, sondern zu entkernen und die Außenhülle energetisch zu verbessern. Als ich herkam - ich bin hier seit 13 Jahren Schulleiter - waren die Pläne so gut wie abgeschlossen. Im Rat der Stadt Hannover gab es schon Überlegungen, dass ein Neubau günstiger wäre als eine Sanierung. Man schaut dabei auf die Laufzeit des Gebäudes. Damals kamen die Fachleute zu dem Ergebnis, dass der Neubau günstiger wird. Als die Entscheidung dann doch für einen Neubau fiel, haben alle wieder bei null angefangen. Es dauerte insgesamt 20 Jahre, die eigentliche Bausphase aber nur gut vier Jahre.

 

Wie ist der Architekt ausgesucht worden?

Es wurde europaweit ein Wettbewerb ausgeschrieben. Für die Ausschreibung wurden zuvor Kriterien festgelegt: welche Räume braucht man, wie groß müssen sie sein etc. Die Stadt Hannover hat ein Standardraumprogramm, in dem z.B. Klassenräume mit 64 m2 angesetzt sind: 2 m2 pro Schüler, 3 m2 für den Lehrer und 1 m2 für einen Schrank. Bei den Wettbewerbsbeiträgen wurden dann die Kriterien überprüft und alle Entwürfe, die infrage kamen, wurden in unserer Dreifelder-Sporthalle auf Stellwänden ausgestellt. Die Jury begutachtete sie und entschied sich noch am selben Tag. Unser Gebäude hatte den 2. Platz gemacht.

 

Warum wurde nicht der 1. Platz umgesetzt?

Die Stadt wollte das ursprünglich. Es war der Entwurf von Herrn Staab, einem Berliner Architekten, der im selben Jahr den Deutschen Architekturpreis gewonnen hatte. Die Kommune hätte sich mit diesem Bau gerne ein Denkmal gesetzt. Aber wir fanden damals v.a. die Planung des eingezäunten Pausenhofs in der 1. Etage nicht praktikabel. Was macht man, wenn da ständig die Bälle herunterfallen? Die Menschen im Stadtteil waren auch gegen diesen Entwurf. Der damalige Oberbürgermeister, Herr Stefan Weil, ließ die Schule entscheiden. Wir haben dann den 2. Platz des Architekturbüros Dash Zürn von Zolley (Berlin) gewählt.

 

Welche Vorteile hatte dieser Entwurf?

Er war sehr übersichtlich und großzügig. Die gesamte Schule bestand aus einzelnen Gebäudeteilen mit einem innenliegenden großen Schulhof und einer großen Aula, die abtrennbar ist und auch außerhalb der Schulzeit gesondert genutzt werden kann. Außerdem passt das Gebäude gut zum Wohnumfeld.

 

 

Das Modell der Schule in der Aula - die einzelnen Gebäudekomplexe, verbunden durch die Schulstrasse, sind gut zu erkennen (Foto: Julia Hemkes)

 

Hat die Inklusion den Raumplan der Schule verändert?

2011/12 war noch unklar, ob die Inklusion wirklich kommt. Die Stadt wußte noch nichts genaues und hat das Problem verdrängt. Wir haben keine inklusionsspezifischen Räumlichkeiten! Die Brailleschrift (Blindenschrift) an Geländern und Türschildern, das Leitsystem am Fußboden (Noppen und Streifen), die niedrigen Klinken an den Türen und die Behinderten-WCs in jedem Trakt machen uns jedoch, wie die Fahrstühle in allen Häusern, zu einem idealen Gebäude für mobilitätseingeschränkte Menschen. Schon gegen Ende unserer Bauphase hat die Stadt ein neues Standardraumprogramm festgelegt, das für 8 Klassen zwei statt zuvor einen Differenzierungsraum vorsieht. Leider haben wir von dieser Veränderung nicht mehr profitiert.

 

   

 

  Noppen und Streifen an Boden und Treppenstufen oder Blindenschrift an Geländern und Türschildern helfen Blinden bei der Orientierung (Fotos: Julia Hemkes und Lisa-Sophie Seidl)

 

Nehmen Sie deshalb keine oder weniger Inklusionsschüler auf?

Nein, wir leisten die Inklusion trotzdem unter erschwerten Bedingungen. Der Stadt Hannover ist das komplett egal!

 

Gab es einen Grund, warum manche Räume bestimmte Wandfarben haben?

Die farbliche Gestaltung wurde unter dem 2. ausführenden Architekten entwickelt. Er wollte einzelne Bereiche farblich kennzeichnen und griff auf den sekundären Farbkreis zurück, damit man sich besser orientieren kann. Zum Beispiel markiert der grüne Bereich das Fach Biologie, der blaue Physik und der orange Chemie. Die Farben wirken freundlich und auch dadurch fühlen sich die Schüler wohler.

 

Welche Verbesserungen sollte der Neubau für Lehrer und Schüler bringen?

Jeder Klassenraum ist gleich groß, ist gleich hell und alle Räume haben Akustikdecken. Sie besitzen eine gute Beleuchtung und ein digitales Tafelsystem. Außerdem ist überall Wlan und Internetzugang. Jeder Raum kann einzeln belüftet und geheizt werden. Dies kann man über die Zentralheizung regeln.

 

Würden sie sich wünschen, dass die alten Tafeln zurück kommen?

Nein, wir leben in einer Zeit, wo die Kreidetafel überholt ist. Egal in welchem Unterricht oder in welchem Raum man sich gerade befindet, kann man die neuen digitalen Tafeln nutzen, z.B. werden im Kunstunterricht Bilder an die Wand geworfen und die Lehrer müssen dafür nicht extra einen Overheadprojektor holen.

 

 

Digitale Tafel im Kunstbereich - Schüler bei der Werkbetrachtung (Foto: flash Redaktion)

 

Gibt es Dinge, die im Altbau besser waren?

Ja, die Nutzflächen waren größer. Gänge und Treppenhäuser waren teilweise doppelt so breit. Auch die Schulstrasse war breiter und hatte Nischen. Außerdem gab es viele zusätzliche Räume. Damals hatte man noch kein Standardraumprogramm. Heute kostet jeder umbaute Quadratmeter 5000 Euro, das ist viel Geld und man kann verstehen, dass die Stadt versucht zu sparen. An anderen Stellen ist das aber sehr problematisch, denn Raumanforderungen können sich verändern. Zwischenzeitlich haben wir zwei Sprachlernklassen bekommen. Für sie war kein Raum geplant! Auch die Berufseinstiegsbegleiter brauchten plötzlich einen Arbeitsplatz. Man sollte also immer zusätzliche Räume einplanen.

 

Gab es während der Neubauphase Probleme?

Der Neubau wurde direkt neben dem Altbau errichtet. Zunächst hatte man Angst vor der Lärmbelästigung. Aber das hat sich nicht bewahrheitet. In der Abi-Zeit haben die Arbeiten immer erst um 14.00 begonnen. das war kein Problem. Auch ein Asbestverdacht und damit verbundene Ängste haben sich nicht bestätigt. Es wurde alles nach hohen Standards kontrolliert.  Farben und Fußböden wurden unter ökologischen Gesichtspunkten gewählt. Natürlich sind auch hier noch Lösungsmittel enthalten, die zu Beginn für eine Geruchsentwicklung sorgten, aber herkömmliche Farben sind weitaus schädlicher. Zunächst gab es Klagen über Kopfschmerzen. Die Befürchtungen und Ängste wurden ernst genommen und die Werte wurden gemessen. Aber alles war im Rahmen der Grenzwerte.

 

Gab es einen Bereich, wo etwas falsch gemacht wurde?

Das gibt es in jedem Neubau! Es gab keine großen Probleme, die nicht zu lösen gewesen wären! Wir haben versucht, vernünftig und intelligent mit Fehlern und Kürzungen umzugehen. Im Neubau sammelten wir alle Mängel und erstellten eine digitale Liste. Jeder konnte Problemstellen benennen und am Ende umfasste die Liste 500 Punkte.  -  Man hat sich zusammen gesetzt. Auf viele bauliche Mängel  gab es noch eine Garantie. Die Mängel wurden dann alle abgearbeitet und das hat gut funktioniert.

 

Es fällt auf, dass es in der Schule kaum Sitzgelegenheiten gibt. Woran liegt das?

HANOVA hat den Schulbau fertiggestellt, aber das Mobiliar gehört in die Zuständigkeit der Stadt. Obwohl wir die Schule im Januar 2017 offiziell einweihten (umgezogen sind wir schon früher), haben wir immer noch keine Möbel auf den allgemeinen Flächen. Das wird sich aber bald ändern: Ende dieses Monats [Januar 2019] bekommen wir eine Loungeecke in die Eingangshalle, Bänke und Sitzmöbel für die Schulstrasse. Wir haben uns zunächst mit den schwarzen Bänken in der Schulstraße behelfen müssen. Ich habe sie aus dem Abbruchhaus, also der alten Schule, gerettet. Aufgrund des Brandschutzes  dürfen wir in der Schulstrasse nur Sitzgelegenheiten aus Metall aufstellen. Es gibt im gesamten Gebäude diesbezüglich kaum Ausnahmen, die Pallettenmöbel (Upcycling-Projekt der Schule) vor meinem Büro gehören dazu.

 

Warum wurde der Schule ein neuer Namen gegeben?

Es gab eine Initiative, sich zeitgleich zum Neubau einen neuen Namen zu geben. Das fanden die Schüler, die Eltern und die Lehrkräfte gut. Sie sammelten Ideen und die Entscheidung fiel auf Leonore Goldschmidt. Der Stadtteil-Name Mühlenberg ist negativ besetzt. Viele denken bei dem Namen an den sozialen Brennpunkt, eine hohe Zahl an Langzeitarbeitslosen, 20 % AfD-Wähler oder eine hohe Kinderarmut. All das kann man im Sozialbericht der Stadt nachlesen. Der neue Name sollte inhaltlich eine Aufwertung und einen Neustart darstellen.

 

Groß steht der neue Name auf dem Schulgebäude (Foto: Lisa-Sophie Seidl)

 

Wer ist Leonore Goldschmidt?

Sie ist eine jüdische Pädagogin, die Berufsverbot in der Nazizeit hatte. Sie war intelligent und fand ein Schlupfloch, um weiter zu unterrichten. Es war jüdischen Lehrern erlaubt, bis zu fünf Schüler zu unterrichten. Daraufhin gründete sie in Berlin eine Schule und holte jüdische Lehrkräfte zusammen. Sie war sehr weitblickend, denn sie ahnte, dass noch Schlimmeres als das Berufsverbot für jüdische Lehrer kommen könnte. Sie ließ die Kinder viel Englisch lernen und sogar einen britischen Schulabschluss in Deutschland machen. Als dann viele jüdische Familien fliehen mussten und die Schule in Deutschland geschlossen wurde, gründete sie in England eine neue Schule und Kinder aus Deutschland konnten dank ihres Einsatzes dort starten. Dieses Engagement von Leonore Goldschmidt hat uns alle überzeugt und die große Mehrheit entschied sich für ihren Namen, um an sie zu erinnern! Deswegen heißt das Motto der Leonore-Goldschmidt-Schule in Anlehnung an sie auch: Mut, Weitblick und Menschlichkeit.

 

Herr Dr. Bax antwortet auf alle Fragen und nimmt sich Zeit, aber er hält die Uhr im Blick, Schlüssel und Handy griffbereit - die nächsten Aufgaben des Schulleiters warten schon ... (Foto: Julia Hemkes)

 

Was unterscheidet dieses Schulgebäude von anderen?

Der Neubau ist ein Passivhaus. Man muss sich vorstellen, dass sich vor der Betonschicht eine sehr dicke Isolationsschicht befindet. Wir haben ganz geringe Heizkosten und sind eine umweltfreundliche Schule. Außerdem haben wir nur digitale Tafeln, es ist überall hell  und es gibt keine innen liegenden Unterrichtsräume!

 

Was würden sie abschließend sagen, ist am Neubau am besten gelungen?

 ... die gesamte Komposition, also das Zusammenspiel aller Teile.

 

Gibt es einen Rat, den sie anderen Schulen geben würden? Worauf sollte man besonders achten?

Sie sollten andere Schulen besuchen, die neugebaut worden sind und sich anschauen, welche Veränderungsmöglichkeiten es gibt. Manchmal sind es kleine Ideen, die man später umsetzten kann. Zum Beispiel haben wir die tiefen Fensterbänke, auf denen die Schüler überall sitzen können, in einer anderen Schule entdeckt.

 

 

In jedem Raum findet man tiefe Fensterbänke, die zum Sitzen einladen, hier vor einem der begrünten Atriumhöfe im gelben Kunstbereich (Foto: Julia Hemkes)

 

Fühlen sich die Schüler im neuen Gebäude wohl?

Das müsst ihr die Schüler schon selbst fragen! Aber: Ja, sie fühlen sich wohl!

 

 

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